[Morton Feldman Page] [Feldman: Homages]

Michael Denhoff: Sounds and Shadows op. 86 (1999)
a) für klavier, streichquartett und viola (oder klarinette)
b) für klavier und viola (oder klarinette)
c) für klavier solo


Irgendwann, ganz unerwartet war er plötzlich da: der aus drei Quinten sich schichtende Klang; und mit diesem Grundklang stellte sich ebenso unerwartet die Idee zu einem neuen Stück ein, das -– wenngleich nicht als solches geplant – doch so etwas wie ein langes ‘Echo’ zu meinen “Aufzeichnungen” op. 83 HAUPTWEG UND NEBENWEGE geworden ist, zumal es in der größtbesetzten der drei möglichen Aufführungsversionen die Klavierquintettbesetzung unter Hinzunahme einer gelegentlich aus der Ferne dazukommenden Viola- (bzw. Klarinetten-) Stimme noch einmal aufgreift: SOUNDS AND SHADOWS.

Erst viel später fiel mir auf, daß auch der musikalische Duktus des letzten Eintrages der “Aufzeichnungen” (drei aufsteigende Klänge im Klavier, die mehrfach wiederholt werden) sich in den nach oben addierenden Quinten widerspiegelt, mit denen SOUNDS AND SHADOWS anhebt und die gestaltbildend für das ganze Stück werden.

Die Quinte ist – wie übrigens auch in meiner Studie für sieben Streicher HARMONICS op. 84 – das konstitutive Intervall von SOUNDS AND SHADOWS. Während HARMONICS linear durchwegs reine Quintgänge nutzt (nur offene Saiten und deren natürliche Obertöne) und Chromatik nur im Zusammenklang der halbtönig versetzt eingestimmten Instrumente entsteht, atmet die Harmonik von SOUNDS AND SHADOWS durch die sich ständig verändernden Alterationen der reinen Quintklänge, von der doppelt verminderten bis zur doppelt übermäßigen Quinte.

SOUNDS AND SHADOWS ist ein sehr stilles und langsames Stück, es dehnt sich in die Zeit und löst diese gleichzeitig gleichsam auf. Und in seiner geradezu archaisch anmutenden Reduktion der musikalischen Mittel scheint es zudem auch seinen zeitliche Ort der Entstehung zu verlieren: diese Klänge sind weder alt noch neu, sie sind einfach da. Für den Hörer, der sich auf diese Musik einläßt, wird sich nicht die Frage nach dem Zeitgemäßen des genutzten Vokabulars stellen, denn es geht bei dieser Musik vielmehr um eine grundsätzliche geistige Haltung, die epochenübergreifend für viele Musik Gültigkeit hat: sie meidet den beschwörenden Tonfall und alles Affirmative.

In ihrer flüchtigen Erscheinung erinnert Musik uns an unsere eigene Vergänglichkeit und läßt sie uns dennoch gleichzeitig vergessen, weil wir in ihr offenen Ohres unser Innerstes als Echo oder Widerschall erkennen. Eine beglückende wie melancholische Erfahrung. Ich spüre dies besonders bei der Musik von Franz Schubert und Morton Feldman. SOUNDS AND SHADOWS ist eine Hommage an beide Komponisten geworden, die – wie ich finde – in nachbarschaftlicher Nähe zueinander stehen. Schubert erscheint in diesem Stück, wenngleich vexatorisch versteckt, sogar nach und nach immer deutlicher: das Cello-Thema des 2. Satzes seines großen G-Dur Streichquartetts ist Zielpunkt und Auflösungsmoment der Klänge von SOUNDS AND SHADOWS in einem, indem es wie eine Allusion am Schluß erscheint, aber (zweimal) unvollständig abbricht...

Uraufführung: 13. Dezember 2000, Sounds and Shadows op. 86c (ca. 32’) für Klavier, Susanne Kessel, Klavier, Bonn, Konzertprojekt „Jahr-100-Klavier-Stücke” im Musikhaus Tonger

In Vorbereitung: CD-Produktion für das Label „Arte Nova“, Version B (op. 86 b) mit Susanne Kessel, Klavier & Selcuk Sahinoglu, Klarinette

Michael Denhoff
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